Schlaflosigkeit und Gehirn: Warum anhaltend schlechter Schlaf Aufmerksamkeit verdient
Die meisten von uns kennen Nächte, in denen der Schlaf einfach nicht kommen will. Du liegst wach, schaust auf die Uhr und rettest dich am nächsten Tag mit Willenskraft und Kaffee über die Runden. Bei vielen Menschen kommt das ab und zu vor und vergeht wieder. Bei anderen setzt es sich fest, bis schlechte Nächte zum Normalfall werden.
Eine neue Übersichtsarbeit einer Gruppe europäischer Neurologinnen und Neurologen legt nahe, dass diese zweite Form der Schlaflosigkeit mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie meist bekommt, und das nicht nur, weil sie so müde macht.
Was die Forschenden gemacht haben
Die Arbeit wurde von der Europäischen Akademie für Neurologie finanziert und Ende September in der Fachzeitschrift Sleep Medicine Reviews veröffentlicht. Geleitet hat sie Luca Vignatelli vom Institut für Neurologische Wissenschaften in Bologna, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz.
Statt eine neue Studie durchzuführen, hat das Team die vorhandene Evidenz zusammengetragen. Die Forschenden durchsuchten zwei große medizinische Datenbanken nach systematischen Übersichtsarbeiten zu Schlaflosigkeit und Gesundheit und ergänzten sie um drei eigene neue Auswertungen zu Schlaganfällen, Arbeitsunfällen und Krankenhausaufenthalten. Insgesamt ging es um sieben Arten gesundheitlicher Folgen. Allein die Analyse zum Schlaganfall umfasste mehr als 1,3 Millionen Menschen.
Schlaflosigkeit bedeutet hier mehr als eine schlechte Nacht. Gemeint sind Probleme beim Ein- oder Durchschlafen, deren Folgen man tagsüber spürt, obwohl eigentlich genug Zeit und Gelegenheit zum Schlafen da wäre. Eine frühere Analyse schätzte, dass rund 22 Prozent der Menschen diese Kriterien erfüllen.
Was dabei herauskam
Menschen mit Schlaflosigkeit hatten ein um 26 Prozent höheres Schlaganfallrisiko als Menschen ohne Schlafprobleme. Wie stark dieser Zusammenhang ausfiel, unterschied sich allerdings deutlich von Studie zu Studie, sodass der tatsächliche Wert niedriger oder höher liegen könnte. Außerdem war bei Menschen mit Schlaflosigkeit die Wahrscheinlichkeit, aus irgendeinem Grund ins Krankenhaus zu kommen, um 28 Prozent erhöht.
Schlaflosigkeit hing zudem mit Depressionen und anderen psychischen Problemen zusammen. Bei Demenz war das Bild weniger eindeutig. Die meisten bisherigen Übersichtsarbeiten fanden einen Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und Demenz insgesamt, aber nicht alle. Für die Alzheimer-Krankheit waren die Ergebnisse einheitlicher, für die vaskuläre Demenz uneinheitlich.
Was das bedeutet und was nicht
Es ist wichtig, klar zu sagen, was eine solche Übersicht zeigen kann. Sie fasst Studien zusammen, in denen Menschen über längere Zeit beobachtet wurden. Solche Studien können zeigen, dass Schlaflosigkeit und diese Gesundheitsprobleme oft gemeinsam auftreten, aber nicht, dass Schlaflosigkeit sie verursacht.
Der Zusammenhang kann auch in mehr als eine Richtung laufen. Depressionen und Ängste erschweren den Schlaf, und schlechter Schlaf kann wiederum die Stimmung drücken und das Grübeln verstärken. Manche Krankheiten stören den Schlaf schon lange, bevor sie erkannt werden. Schlaflosigkeit kann Ursache, Folge oder frühes Warnzeichen sein, und oft wohl eine Mischung aus allem.
Einer der Autoren, Stefan Seidel von der Medizinischen Universität Wien, hat genau das betont. Er sagte, die Ergebnisse sollten niemandem Angst machen, denn ein höheres Risiko in der Bevölkerung insgesamt bedeutet nicht, dass ein einzelner Mensch mit Schlaflosigkeit an Demenz erkrankt oder einen Schlaganfall bekommt.
Die ehrlichen Grenzen
Die Studien in der Übersicht haben Schlaflosigkeit nicht alle gleich definiert, was es schwerer macht, sie zusammenzufassen. Außerdem haben nur wenige von ihnen Schlafmittel richtig berücksichtigt, die manche Menschen mit Schlaflosigkeit einnehmen und die die Ergebnisse beeinflussen könnten. Auf beide Grenzen weisen die Autoren selbst hin.
Warum das eine nützliche Nachricht ist
Das Ermutigende an dieser Geschichte ist, dass du dich mit Schlaflosigkeit nicht einfach abfinden musst. Sie ist weit verbreitet, und sie lässt sich behandeln.
Bei länger anhaltender Schlaflosigkeit wird meist zuerst eine speziell auf den Schlaf zugeschnittene Form der kognitiven Verhaltenstherapie empfohlen. Sie hilft dabei, Gewohnheiten und Gedanken zu verändern, die einen wach halten, zum Beispiel durch feste Schlafenszeiten und dadurch, nicht stundenlang wach im Bett zu liegen. Das kostet etwas Mühe, aber viele Menschen finden, dass es sich lohnt.
Auch Alltagsgewohnheiten helfen. Ungefähr zur gleichen Zeit ins Bett gehen und aufstehen, das Schlafzimmer kühl und dunkel halten, Bildschirme eine Weile vor dem Schlafengehen weglegen und Kaffee und Alkohol eher früher am Tag trinken: Das alles sind einfache Ansatzpunkte.
Die übergeordnete Botschaft der Forschenden lautet: Schlaf gehört in jedes Gespräch über die Gesundheit des Gehirns, in jedem Alter. Wenn deine Nächte schon seit Wochen oder Monaten schwierig sind, ist das ein guter Grund, es bei deiner Ärztin oder deinem Arzt anzusprechen, statt still damit zu leben.
Eine kleine, regelmäßige Gewohnheit
Guter Schlaf entsteht oft aus einem ruhigen, regelmäßigen Tagesrhythmus. Treeny beruht auf derselben Idee: kleine Dinge, regelmäßig getan. Die täglichen Übungen sind kurz und sollen Freude machen, und Flo, der Coach in der App, passt sie jeden Tag an deine Tagesform an. Es ist eine sanfte Möglichkeit, deinen Kopf tagsüber aktiv zu halten. Es ist keine Behandlung von Schlaflosigkeit oder von irgendetwas, das in diesem Artikel beschrieben wird.
Wie du diesen Artikel lesen solltest
Dieser Artikel beschreibt Forschung und ist keine medizinische Beratung. Die besprochene Übersichtsarbeit zeigt Zusammenhänge und kann nicht belegen, dass Schlaflosigkeit Schlaganfälle, Demenz oder andere Erkrankungen verursacht oder dass die Behandlung von Schlaflosigkeit sie verhindert. Wenn du schon lange schlecht schläfst oder dir Sorgen um dein Gedächtnis oder deine Stimmung machst, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Sie kennen deine Situation so, wie es kein Artikel kann.
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